Meine Geschichte

Ich bin diesen Weg selbst gegangen

45 Jahre lang war Migräne Teil meines Lebens. Ich weiss, wie es sich anfühlt, wenn Schmerz, Angst und ständiges Funktionieren den Alltag bestimmen – und wie sehr dabei das eigene Leben immer kleiner werden kann.

Aktuelles Portrait folgt

Migräne gehörte zu unserer Familie

Migräne begleitet mich seit etwa meinem zehnten Lebensjahr. Mein Vater litt schon als kleiner Junge darunter und hatte bis zu seiner Pensionierung Migräne. Auch meine Schwester und meine beiden Kinder kennen sie. Für mich war deshalb jahrzehntelang klar: Migräne liegt bei uns in der Familie. Sie ist vererbt – und ich muss damit leben.

Heute sehe ich das differenzierter. Dass es eine familiäre und genetische Veranlagung für Migräne gibt, stelle ich nicht infrage. Aber meine eigene Geschichte hat mir gezeigt, dass Veranlagung für mich nicht bedeutete, meinem Leben und der Migräne machtlos ausgeliefert zu sein.

Auf meinem Weg begann ich zu erkennen, wie eng mein körperliches Erleben mit meiner Art verbunden war, auf Angst, Stress, Gefühle, Beziehungen und meine eigenen Bedürfnisse zu reagieren. Für mich wurde die Migräne dadurch irgendwann nicht mehr nur zu einem Feind, den ich bekämpfen musste – sondern auch zu einem Signal dafür, genauer hinzuhören, wenn ich mich selbst wieder aus dem Blick verlor.

Viele Jahre habe ich funktioniert.

Über viele Jahre habe ich mein Leben um die Migräne herum organisiert. Ich wollte funktionieren,  als Frau, Partnerin, Mutter, im Beruf und für die Menschen um mich herum. Gleichzeitig war da immer die Angst vor der nächsten Attacke und die Unsicherheit, ob Pläne, Verabredungen oder ganz normale Alltagstage überhaupt möglich sein würden. Medikamente gehörten selbstverständlich in jede Tasche – für alle Fälle.

Je länger das so ging, desto mehr richtete sich mein Leben nach der Migräne. Ich plante voraus, sagte Dinge ab, wollte niemanden belasten und versuchte, für jede Eventualität vorbereitet zu sein. Meine eigenen Bedürfnisse wurden dabei immer leiser – oft merkte ich erst spät, wie sehr ich mich selbst aus dem Blick verloren hatte.

Ich wollte niemandem zur Last fallen, Konflikte vermeiden und möglichst dafür sorgen, dass es allen anderen gut ging. Nach aussen funktionierte vieles weiter – doch innerlich wurde ich immer unsicherer und erschöpfter. Irgendwann wusste ich kaum noch, was ich selbst eigentlich brauchte und wollte.

Als ich selbst Mutter wurde, liess sich all das nicht mehr so leicht unter Verschluss halten. Vieles, was ich jahrelang weggedrückt hatte, begegnete mir plötzlich im Familienalltag wieder. Gleichzeitig wurden die Migräneattacken häufiger, und auch meine Haut machte mir schwer zu schaffen. Mein Körper verlangte immer deutlicher nach Aufmerksamkeit – doch ich war weiterhin fast ausschliesslich mit dem Aussen beschäftigt. Ich fühlte mich erschöpft, überfordert und schuldig und hatte zunehmend das Gefühl, den Anforderungen meines eigenen Lebens nicht mehr gewachsen zu sein.

Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem ich wusste: So kann und will ich nicht weiterleben. Ich musste etwas verändern. Die Trennung vom Vater meiner Kinder war damals ein einschneidender Schritt – und vermutlich eines der ersten Male, dass ich eine grosse Entscheidung wirklich für mich traf. Danach wurde manches vorübergehend leichter. Vor allem aber hatte ich begonnen, eine Grenze zu überschreiten, die für mich lange undenkbar gewesen war: mich selbst nicht mehr vollständig hinter den Bedürfnissen anderer verschwinden zu lassen.

Mein Körper wurde immer lauter.

Nach der Trennung begann ein neues Kapitel in meinem Leben. Ich lernte meinen zweiten Mann kennen und fühlte mich zunächst so glücklich wie lange nicht mehr. Umso weniger verstand ich, warum meine Neurodermitis plötzlich mit voller Wucht zurückkam. Später verschwand sie wieder – doch die Migräne blieb und wurde über die Jahre immer stärker. Mein Körper meldete sich immer deutlicher, während ich selbst mich immer weiter von mir entfernte.

Es gab Zeiten mit rund 15 Schmerztagen im Monat. Triptane und starke Schmerzmittel halfen mir vor allem dabei, weiter arbeiten und funktionieren zu können. Ich stellte meine Ernährung auf ketogen um und setzte die Pille ab. Langsam wurde es etwas besser: Manchmal hatte ich wieder eine ganze Woche Ruhe im Kopf, und die Schmerztage reduzierten sich auf etwa sechs bis acht pro Monat. Ich hatte das Gefühl, auf einem guten Weg zu sein.

Dann verliess mich mein zweiter Mann nach 14 Jahren – für mich völlig unerwartet. Mit 48 begann ich noch einmal neu: neuer Job, neue Wohnung, neues Leben. Später kam ein neuer Partner in mein Leben. Ich war glücklich, passte mich aber nach und nach wieder stärker an. Die Ernährung entglitt mir, mein Gewicht stieg deutlich an und die Migräne übernahm erneut immer mehr Raum in meinem Leben.

Ich konnte mein Muster nicht mehr übersehen.

Der Moment, an dem ich mein eigenes Muster nicht mehr übersehen konnte, kam durch eine Trennung im Leben meiner erwachsenen Tochter. Ihr Schmerz wurde sofort zu meinem Schmerz. Ich wollte regeln, schützen, entscheiden und Verantwortung übernehmen, die gar nicht meine war. Gleichzeitig spürte ich sehr deutlich, wie übergriffig sich das anfühlte. Da wusste ich: Ich brauche Hilfe.

Ich begann ein therapeutisches Coaching und lernte dort den SHC nach Isabelle Tschumi kennen. Zum ersten Mal beschäftigte ich mich wirklich eingehend mit mir selbst: mit meinen Ängsten, meinen Gefühlen, meinen Bewertungen und den inneren Mustern, nach denen ich mein Leben ausgerichtet hatte.

Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse war, dass ich nicht nur von anderen verlassen worden war – ich hatte mich selbst immer wieder verlassen. Ich war weder für mich noch für einen Partner wirklich erreichbar, weil meine Aufmerksamkeit fast vollständig im Aussen lag.

Ich lernte, mich meinen Ängsten und Gefühlen zuzuwenden, statt ihnen auszuweichen. Ich begann zu unterscheiden, wann Angst mich wirklich schützen wollte – und wann sie längst mein Leben bestimmte. Besonders meine Wut war mir fremd geworden. Schon früh hatte ich gelernt, dass sie nicht erwünscht war und dass ich mich sicherer fühlte, wenn es den Menschen um mich herum gut ging. Also beobachtete ich, passte mich an, half, vermittelte und versuchte vorauszusehen, was andere brauchen könnten.

Ich lernte, dass ich nicht für das Wohlbefinden der Menschen um mich herum verantwortlich bin. Ich durfte Verantwortung dort übernehmen, wo sie wirklich zu mir gehörte – und sie dort lassen, wo sie nicht meine war. Schuldgefühle verloren zunehmend ihre Macht, und ich begann, mich selbst auch dann zu halten, wenn im Aussen nicht alles harmonisch war.

Ich fand einen neuen Zugang zu meinen Gefühlen – besonders zu Wut und Trauer – und konnte mit meiner Familie und meiner Herkunft immer mehr in Frieden kommen. Mein Körper musste nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit in Alarm gehen. Herzrasen, Zittern und Schweissausbrüche wurden seltener. Zum ersten Mal begann ich zu spüren, wie sich innere Sicherheit tatsächlich anfühlen kann.

Und trotzdem war da noch die Migräne. Obwohl sich in mir bereits vieles verändert hatte, bestimmte sie weiterhin, was möglich war und was nicht. Ich merkte: Auch ihr gegenüber war ich noch im Kampf. Ich wollte sie verstehen – aber vor allem wollte ich noch immer, dass sie endlich verschwindet.

Nicht mehr gegen mich kämpfen.

Ich merkte, dass ich auch der Migräne gegenüber noch immer in einem alten Muster festhing: Ich wollte sie loswerden, kontrollieren und möglichst verhindern. Gleichzeitig begann ich zu verstehen, dass ich mich gerade in diesen Momenten nicht wieder von mir selbst entfernen wollte. Statt nur gegen den Schmerz zu kämpfen, wollte ich lernen, bei mir zu bleiben und wahrzunehmen, was ich gerade wirklich brauchte.

Diese Haltung wurde für mich in einer besonders heftigen Migränewoche auf die Probe gestellt. Zuerst wollte ich unbedingt ohne Medikamente durchhalten. Doch ich erkannte: Auch das war wieder Kampf. Entscheidend war nicht, ob ich ein Medikament nahm oder nicht – sondern aus welcher Haltung heraus. Ich durfte mir Unterstützung erlauben und danach trotzdem bei mir bleiben, mich ausruhen und nicht sofort wieder funktionieren.

Danach begann ich, diese neue Haltung auch im Alltag zu leben. Ich erlaubte mir, Dinge allein zu tun, mich nicht ständig nach meinem Partner zu richten und meine Bedürfnisse auszusprechen – auch wenn sie nicht mit denen anderer übereinstimmten. Im Beruf sprach ich offen über meine Migräne und darüber, dass ich Pausen brauchte. Zum ersten Mal stellte ich mich selbst wirklich an erste Stelle.

Nach dieser Woche kam die Migräne noch zweimal für jeweils einen Tag zurück. Am 19. Februar 2026 nahm ich zum letzten Mal ein Triptan. Diesmal nicht, um möglichst schnell wieder zu funktionieren, sondern verbunden mit der Entscheidung, danach wirklich für mich zu sorgen. Ich legte mich in die Badewanne, zog mich zurück und erlaubte mir, einfach da zu sein. Seitdem habe ich keine Migräneattacke mehr erlebt.

Gelegentliche Kopfschmerzen kenne ich auch heute noch. Der Unterschied ist: Ich gerate nicht mehr sofort in Alarm. Ich bleibe bei mir, frage mich, was ich gerade brauche, und erlaube mir, entsprechend zu handeln. Meist verschwinden die Schmerzen dann innerhalb weniger Stunden wieder – ohne Medikamente.

Heute – sicher in mir.

Heute fühlt sich mein Leben frei und weit an. Ich nehme früher wahr, wenn ich Ruhe brauche, und erlaube sie mir, bevor mein Körper laut werden muss. Ich gehe ohne Medikamente aus dem Haus, bewege mich gerne, ernähre mich entspannt und genussvoll und richte meinen Alltag nicht mehr ständig danach aus, was im Aussen von mir erwartet wird.

Ich muss heute nicht mehr alles kontrollieren, um mich sicher zu fühlen. Ich kann Verantwortung übernehmen, wenn sie zu mir gehört – und sie dort lassen, wo sie nicht meine ist. Ich darf mich zeigen, Grenzen setzen, Nein sagen und trotzdem verbunden bleiben.

Das Wichtigste ist für mich heute dieses Vertrauen: Ich weiss, dass ich nicht kontrollieren muss, was mir im Leben begegnet. Ich vertraue darauf, dass ich einen Weg finden werde, damit umzugehen. Genau das bedeutet für mich heute: sicher in mir zu sein.

Aus diesem eigenen Weg ist meine heutige Arbeit entstanden. Ich begleite Frauen mit Migräne, die sich erschöpft, gefangen oder von ihrem eigenen Leben entfernt fühlen – auf dem Weg zurück zu mehr innerer Sicherheit, Selbstbestimmung und Verbundenheit mit sich selbst.

Wenn du dich in Teilen meiner Geschichte wiedererkennst und spürst, dass auch für dich etwas anders werden darf, begleite ich dich gerne ein Stück auf deinem Weg.

So begleite ich dich